Hintergrund ·
ÖBB-Daten in Google Maps: Der Streit von 2013
Seit Montag, dem 16. Dezember 2013, fanden sich die Routen- und Abfahrtsdaten der Österreichischen Bundesbahnen in Google Maps wieder. Wer eine Verbindung mit Bahn, Bus oder Straßenbahn suchte, bekam die Fahrpläne der ÖBB direkt im Kartendienst angezeigt. Für die Nutzer von Google Maps war das ein spürbarer Gewinn an Komfort, und die Sache wurde in mehreren Medien aufgegriffen.
Doch genau dieser Schritt löste in der österreichischen Open-Data-Szene eine Debatte aus, die bis heute nachhallt. Der Kern des Streits war nicht, dass die ÖBB ihre Daten herausgab, sondern dass sie das exklusiv tat: nur ein einziges Unternehmen, der US-Konzern Google, erhielt Zugriff.
Was die Open-Data-Bewegung kritisierte
Vertreter der Open-Data-Community sahen in der Übergabe an Google einen Beweis, der gegen die bisherige Argumentation der Bahn sprach. Jahrelang hatte die ÖBB technische und organisatorische Hürden als Grund angeführt, warum sich ihre Fahrplandaten nicht ohne Weiteres öffnen ließen. Mit der Lieferung an Google war dieser Einwand entkräftet: Die Daten waren offensichtlich in einem maschinenlesbaren, weitergebbaren Format vorhanden.
Die Kritik lautete entsprechend, dass dieselben Daten ebenso gut als offene Datenquelle hätten freigegeben werden können. Dann hätten nicht nur die Nutzer eines einzelnen Dienstes profitiert, sondern auch kleinere Entwickler und österreichische Anbieter, die eigene Apps und Services rund um den öffentlichen Verkehr gebaut hätten. Eine offene Lizenz, so das Argument, hätte die Reichweite und den Nutzen der Daten vervielfacht.
Die Rolle der Verkehrsauskunft Österreich
In ihren Stellungnahmen verwies die ÖBB beim Thema Open Data wiederholt auf die Verkehrsauskunft Österreich (VAO), über die Entwickler an die Fahrplandaten gelangen sollten. Diese Verweise hielten einer näheren Betrachtung damals nur bedingt stand:
- Die Verkehrsauskunft Österreich war zu diesem Zeitpunkt kein Open-Data-Projekt. Ein freier, offen lizenzierter Zugang zu den Daten war über sie nicht gegeben.
- Das damals neue Regierungsprogramm enthielt kein Bekenntnis zu einer offenen Verkehrsauskunft. Ein Wechsel hin zu offenen Daten hätte einen einstimmigen Beschluss aller Projektpartner erfordert.
- Die ÖBB war zu jener Zeit selbst kein Partner der Verkehrsauskunft Österreich und hatte damit ohnehin keinen direkten Einfluss auf deren Open-Data-Status.
Der Verweis auf die VAO wirkte aus Sicht der Kritiker daher wie ein Ausweichen auf ein Vehikel, das die geforderte Offenheit gar nicht herstellen konnte.
Einordnung in den Kontext der Zeit
Die Diskussion fiel in eine Phase, in der sich Open Data im öffentlichen Verkehr in Österreich gerade erst zu etablieren begann. Linz und Wien hatten ihre Verkehrsdaten bereits als offene Daten bereitgestellt, Graz galt als nächster Kandidat. Diese Beispiele zeigten, dass eine Freigabe organisatorisch machbar war und keine größeren Verwerfungen nach sich zog.
Vor diesem Hintergrund war die Forderung an die Bundesbahn klar umrissen: Wenn die Fahrplandaten ohnehin in einer Form vorliegen, die sich an Google weitergeben lässt, dann lassen sie sich mit demselben Aufwand auch als offene Datenquelle veröffentlichen. Die exklusive Weitergabe an einen einzelnen Konzern blieb für die Bewegung der eigentliche Streitpunkt.
Rückblickend markiert die Episode vom Dezember 2013 einen jener Momente, in denen sich die Lücke zwischen technischer Machbarkeit und tatsächlicher Öffnung von Verkehrsdaten besonders deutlich zeigte. Die spätere Entwicklung hin zu breiter verfügbaren offenen Mobilitätsdaten in Österreich lässt sich ohne diese frühen Auseinandersetzungen kaum verstehen.